Being Young

2023

Zwischen Floppy Disks und Falten-Cremes: Die Evolution eines Kindes der Generation Y

Anouk Meyer

Anouk Meyer schreibt viel – hauptsächlich To-do-Listen.

2. Platz

Video

Dieser Text wird eine Zusammenfassung meiner Gedanken und meines Lebens. Vermutlich ein Chrüsimüsi, unstrukturiert und ziemlich sicher verfluche ich mich im Verlauf der Texterstellung. Aber hey, eigentlich erstelle ich damit gerade meine Memoiren und trage sie einem Publikum vor: Also ein bisschen Ruhm und Ehre für ein paar computergeschriebene Zeilen, bevor diese im Mülleimer des Laptops verschwinden. Mega praktisch.

Ich gehöre mit meinen 32 Jahren zu der Generation Why. Aktuell bin ich in einem Alter, das so ein bisschen dazwischensteht. Ich bin zu alt, um mich mehrmals die Woche zu betrinken, mit High Heels, Minirock und Crop Top feiern zu gehen, mich in einer 4er-WG mit dem One-Night-Stand-Gestöhne meiner Mitbewohner:innen abzugeben und alle Zelte abzubrechen, um in Jamaika eine Strandbar zu bauen. Ich bin aber doch noch nicht so alt, um ein Haus zu bauen, mich mit wichtiger Literatur abzugeben und pünktlich am Sonntagabend den Tatort zu schauen. Ich bin so etwas dazwischen. Lust hätte ich schon, mich am Wochenende zu betrinken, aber ich habe kein’ Bock, drei Tage lang mit einem Kater zu kämpfen. Ich hätte schon Lust zu feiern, aber keine Lust, um 22 Uhr noch in die Stadt zu fahren. Ich hätte schon Lust auf ein Baby – so ab und zu, aber keine Lust auf neun Monate Schnappatmung, mich mit einer Bowlingkugel durch die Welt zu schieben und auf Zigaretten zu verzichten.

Kennt ihr das?

So zwischen Jung und Alt sein, wägt man ab. Man überlegt sich am Samstagvormittag, was man am Wochenende alles Kreatives, Spassiges und Adrenalinsteigerndes machen könnte, nur um dann doch mit Jogginghose und Schoggi auf dem Sofa zu liegen und sich einen Serienmarathon reinzuziehen. Ich bin in dem Alter, in dem man Anti-Falten-Creme kauft, um sich auf den Zerfall der Gesichtselastizität vorzubereiten und dann doch feststellt, dass man immer noch jugendbedingte Akne hat. Scho en huere Seich …

Wie oft habe ich folgenden Satz von älteren Semestern gehört: Du bisch doch no jung. Das assoziiert für mich Folgendes: Hey lebe dein Leben, später wird’s mühsam. Dieser Satz gepaart mit unterschwelligem: Jösses, du Jungs hesch doch na kei Ahnig. So ein bisschen Tritt in den Arsch, weil damit gefordert wird, dass man unverantwortliche Dinge macht, für die man im fortgeschrittenen Alter verachtet wird. Und ein bisschen Mitleid, dass man im jetzigen Alter ja noch keine Ahnung vom «richtigen Leben» hat.

Was ich aber auch schon öfters von jüngeren Semestern gehört habe war: Du bisch doch na jung bliibe. Das war aber ehrlicherweise noch, als ich in Köln gelebt habe, mich mit 26 Jahren mit 22-Jährigen in Bars betrunken habe und mich einen Dreck darum geschert habe, was für bescheuerte Moves ich auf dem Dancefloor gemacht habe. Also assoziiere ich diesen Satz mit: Du bist eigentlich alt und eigentlich machen andere in deinem Alter vernünftige Dinge. Dieser Satz gepaart mit dem offensichtlichen Kompliment: He cool, dass du dich null defür interessiersch, was anderi Negativs über dich denked. Auch so ein bisschen ein Tritt in den Arsch.

Kenneder das?

Als Mitglied der Generation Why gehöre ich zu der Facebook-/ maximal Instagram-Community. Ich gehöre noch zu jenen, die ihr erstes Handy in der 6. Primarklasse erhalten haben. Ein Handy, welches noch keinen Farbdisplay hatte. Wo man Schweissausbrüche bekommen hat, wenn es in der Hosentasche versehentlich «selbständig» auf die Internettaste gedrückt hat. Wo man SMS-Zeichen gespart hat, damit nur eine Nachricht verschickt wurde. Und wenn man in der SMS an die beste Freundin doch noch genügend Zeichen übrig hatte, das HDL zu einem HDUMMMMFGUL wurde. Wenn man zu den cool Kids gehörte, hat man polyphone Klingeltöne gekauft und einen kostenlosen Coca-Cola-Code genutzt, um einen Bärchenbanner auf das Handy runterzuladen. Ich gehöre zu der Generation, die in der Sekundarschule Longchamps-Taschen, schwarze Ballerinas und billige Perlenketten von Clairs und JLo Parfum trugen, um damit einen Hauch von Rich Kid versprühen zu können. Damals sagten die Skater über uns Tussen, heute wäre ich damit cringe. 

Machen wir doch den Test, ob ihr noch jung oder doch schon über das Jung-sein-Datum hinaus seid: Der Discman durfte ja nicht geschüttelt werden, sonst stockte die Musik. Das Band der Kassette wurde mit einem Bleistift wieder repariert. Der Snake-Rekord ermöglichte höchste Gefühle. Plötzlich fragten alle: Wotsch e Banane? Man holte sich ständig Viren auf Limewire, wenn man unerlaubterweise die neusten Hits von Christina oder Britney runterladen wollte. Im Ausgang «showte» man sich auf Bilder auf Partyguide.ch statt auf Selfies. Eltern mussten ihre Telefonate unterbrechen, damit man auf MSN den neusten Bekanntschaften von Habbohotel zurückschreiben konnte. Rosebud war DER CODE für das Sims Computerspiel. Wenn dein Schwarm nicht mit dir «fooden» wollte, wurde er zum «huere Michi». Bisch na jung oder scho alt? Wayne interessierts?

Es gibt eigentlich nur eine Strategie, um jung zu bleiben: Viele Dinge, die wir damals trugen oder gesagt haben, werden ja von der heutigen Generation wieder aufgenommen. Also können wir eigentlich ganz unbekümmert weiterhin unser Lachen mit LOL, LMFAO und YOLO ausdrücken, Vokuhila und Schlaghosen tragen und uns die Augenbrauen wieder zu einem Strich in der Landschaft zupfen. Wenn wir dazu noch ein bisschen Sheesh, Brudi und Wallah sagen, sind wir für Boomers «no so jung» und für die Generation Z «jung geblieben». Wenn du dir also überlegst, diese einfache Taktik umzusetzen, bekommst du von mir folgende fachkundige Diagnose gestellt: Du bist alt. Denn alt sein bedeutet, dass man sich eine Strategie zurechtlegt, wie man jung bleiben kann.