Adumbatten

2024

Wilde Kapern

Leonardo Keller

(la traduzione italiana è riportata sotto) Manchmal weiss ich genau, was ich kochen werde. Die Zutaten, die Zubereitung, das fertige Gericht, alles bereits klar in meinem Kopf. Spontan entscheide ich mich nur noch für die passenden Gewürze. An anderen Tagen weiss ich nur, welche Zutaten ich verwenden möchte, da sie nach ihrer kalten Zeit im Kühlschrank endlich in die heisse Pfanne möchten. Dann schaue ich mir den Spinat und den Lauch an, frage sie nach ihren Wünschen und zaubere zusammen mit ein paar weiteren Begleitern köstliche Pizokel. Es kommt auch vor, dass sich ausser einem hungrigen Gedanken keine weiteren Ideen bemerkbar machen. Gelegentlich ist ein Thema vorgegeben, sowie ein Zeit- und Umfangsrahmen. Etwas Einschränkendes, etwas, das mich an zurückliegende Arbeitszeiten in einer Küche erinnert. Glücklicherweise muss ich mich nicht mehr an Rezepte halten, doch ich kann mich davon inspirieren lassen. Perfekt für Tage, an denen ich nicht weiss, was ich kochen möchte. Es gibt auch andere Tage. Tage, an denen mich der Geruch und Geschmack von Kapernäpfeln bei einem Apero an Vergangenes erinnern und das eine oder andere Glas Wein verdrängte Erinnerungen wachruft.

A volte so esattamente che cosa cucinerò. Gli ingredienti, la preparazione, il piatto finito, tutto è già chiaro nella mia mente. Solamente le spezie le scelgo senza riflettere troppo. In altri giorni so solo quali ingredienti userò, perché dopo molti giorni di freddo nel frigorifero vogliono finalmente finire in una calda padella. Allora guardo gli spinaci e il porro, gli chiedo cosa desiderano e insieme ad altri compagni creo degli squisiti pizzoccheri. A volte succede anche che oltre a un pensiero affamato, non si palesi nessun’altra idea. Di tanto in tanto c’è un tema prestabilito, così come il tempo e lo spazio. Qualcosa di limitante, qualcosa che mi ricorda il tempo passato a lavorare in una cucina. Per fortuna non mi devo più attenere alle ricette, ma mi posso far ispirare da esse. Ottimo per i giorni nei quali non so cosa cucinare. Ci sono anche giorni differenti. Giorni in cui il profumo e il sapore dei frutti dei capperi durante un aperitivo mi riportano alla mente il passato e uno o due bicchieri di vino fanno riaffiorare ricordi ormai rimossi.

Tief zieht er die klare, eiskalte Luft in seine Lungen. Sein erster, bewusster Atemzug des Tages. Der nächste vermischt sich bereits mit Teer und Nikotin. Sein Blick wird fixiert von hell leuchtenden Körnern am kohlschwarzen Firmament. Mechanisch bewegt sich ein rotglühender Kreis in vertikaler Regelmässigkeit. Trügerisch wärmende Schwaden schweben durch seinen Brustkorb.

Die Gedanken reisen – wie der bleiche Mond über den Bergspitzen – in periodisch rhythmischen Ellipsen um den gleichen Fixpunkt. Für Tage, Wochen oder Monate versinken Erinnerungen weitab geläufiger Routen, doch tauchen sie mit stochastischer Gewissheit wieder an der Oberfläche auf. Unangemeldet klopfen sie an einer abgeriegelten Tür und schlüpfen ungefragt entlang der morschen und schimmligen Zarge hinein.

Er schnippt mit Daumen und Zeigefinger das glimmende Endstück – oder war es das Anfangsstück? – in die Dunkelheit. Hat er abgeschlossen? Zur Sicherheit drückt er nicht die Klinke, sondern nutzt den Schlüssel und versucht ihn im Zylinder zu drehen. Er trifft sofort auf Widerstand. Beruhigt zieht er ihn aus dem Schloss und lässt den Bund in seine Jackentasche gleiten.

Sein Weg führt ihn durch spärlich beleuchtete Gassen. In den Häusern scheint kaum Licht, was ihn glücklich stimmt, da es bedeutet, dass dieser Augenblick nicht mit anderen geteilt werden muss. Die Strasse, die Sterne und der Schnee, jener kleine Ausschnitt der Welt, gehört in diesem Moment nur ihm allein. Er fragt sich, woher dieses spontane Bedürfnis nach menschlicher Abgrenzung rührt. Eine rhetorische Frage, er weiss die Antwort, will sie jedoch nicht ausdenken. Nicht Abgrenzung. Der Drang nach einer von ihm genau umrissenen Einsamkeit trifft es besser.

Helles Neonlicht. Wärme. Ein mässig bequemer Sitzplatz mit einem definierten Ziel. Der schwarze, ungesüsste Kaffee schmeckt bitter und köstlich. Er denkt an die – für ihn hinterfragbare – Berufsgruppe der Sommeliers, welche absurde Geschmacksnoten in einen Mokka hineininterpretieren. Die Aromen reichen vom Geruch von frisch geschnittenem Gras über geröstete Macadamianüsse bis hin zu schwerem Rotwein. Rotwein? Unnützes Gefasel. Der Sinn von genussschenkenden Dingen besteht nicht darin, dass man sich voreingenommen darauf einlässt oder sich möglichst ausgefallene, prätentiöse Beschreibungen dafür einfallen lässt. Ausprobieren geht über ausstudieren.

Eine noch schlimmere Gattung sind Kunstkritiker. Insbesondere solche, die nichts Eigenes schaffen, es sich jedoch herausnehmen, Künstler und ihre Werke zu beurteilen. Kreieren geht über Kritisieren – heuchlerisch. Er selbst verfällt andauernd in alte, vorgewebte Muster, in denen seine Schöpferin hinterfragt, beanstandet und verurteilt wird. Wieder so ein winziger, nagender Widerspruch, der das, eigentlich für die irdisch begrenzte Ewigkeit angedachte, Bollwerk langsam abträgt.

Sein Blick streift weg von vorbeiziehenden weissen Talhängen und belasteten Nadelbäumen in die Vergangenheit. Wilde Kapern, wuchernd an einer asymmetrischen Steinmauer, der Geruch von freiem Fenchel und zum Dorf heraufziehenden Meeresbrisen. Ein kleiner Junge spielt Boccia mit alten Männern, und sie schaut lächelnd zu. Das Geschehene, abermals Gesehene endet abrupt, wie damals ihr – langfristige Zensur stiftet kurzfristige Kontrolle.

Ein glatter Tisch. Schwer aufliegend, die Innenseiten seiner Unterarme. Die Finger tanzen mit Gegendruck durch die Luft, welche durch die vielen Menschen im Raum stickig ist. Seine Augen sind müde und kämpfen gegen das grelle Licht an. Der Geschmack nach Zimt auf der Zunge wird langsam milder, während die elastische Kaumasse in unregelmässigen Abständen von den Backenzähnen bearbeitet wird. In seinen Ohren dröhnt eine schrille Stimme. Der Sinn der Worte verschwindet bald hinter einer Wand aus Gedanken. Aufgetürmt in Windeseile, blockiert sie alle präsenten Eindrücke. Die Erinnerung an das vergangene Wochenende, an das Gefühl der Spätwintersonne auf geschlossenen Augenlidern und das Gezwitscher der neuerwachten Vögel erfüllt ihn.

Damals. Ein heller Herbsttag, die Früh gezeichnet von Flussnebel, die Abenddämmerung geprägt von Finsternis. Mit einem diffusen Gefühl aufgestanden, verliess er die Wohnung auf nüchternem Magen, ohne Worte und in tiefster Ignoranz. Die Rückkehr. Sein Geist, wie der trübe Morgen, von Schleiern durchsetzt. Die Berührung klärte schlagartig sein Bewusstsein. Das brennende Gefühl einer unbekannten Kälte auf Fingerspitzen. Verzweifelte, vergebliche Versuche endeten in einer vergessenen, verdrängten Resonanz und Stille.

Der Raum reagiert auf das Schweigen der schrillen Stimme mit Lärm, der ihn aufschreckt. Ein Tritt, das fast gleichzeitige Zuschlagen und sinnfreie Abschliessen, lassen lächelnde Lippen die monotone Eckigkeit verlassen.