Being Young

2023

Wie lange muss ich jung sein, um alt zu werden?

Laura Bachmann

Laura Bachmann schreibt Texte über das Müssen, Dürfen und Werden, obwohl sie selber nicht genau weiss, was sie muss oder darf und schon gar nicht, was mal wird.

1. Platz

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Wie lange muss ich jung sein, um alt zu werden?

Da steht ein Foto auf der Fensterbank, vier Gestalten, zwei davon Schwestern in der Hocke kniend, zwei davon wir, stehend und immer noch kleiner als unsere Mütter. Vier Gestalten und ihre acht Hände. Vier davon schützend und vier davon klein und wurstig. Ein Finger davon in meiner Nase.

Wie lange muss ich jung sein, um alt zu werden?

Neun junge Jahre von der Schultüte zum Händeschütteln. Hast du auch Angst vor der Zukunft? Neun junge Jahre um acht Hände altern zu lassen und den Finger nur noch manchmal in der Nase zu haben.

Ich hab eure Hände altern und meine wachsen sehen. Kinderaugen gross und scheinbar gegen den Himmel gerichtet, denn ihr wart Sonne, Mond und Sterne zugleich. Immer da, immer sichtbar, meistens wegweisend.

Wie lange muss ich jung sein, um alt zu werden?

Zahlenreihen bilden sich. Eins-zwei-drei-vier Meilensteine. Freude und Angst: Ich hab so viel geschafft – bald bin ich gross. Freude und Angst: Ich hab so viel geschafft – bald seid ihr alt.

Von drei Mal Schlafen bis Weihnachten zu drei Mal Schlafen bis 18. Von heimlich und mit schlechtem Gewissen Bier probieren zu feuchtfröhlichem Feiern deines runden Geburtstags. Gemeinsam ist man immer alt genug, um zu Schlagermusik zu tanzen.

«Treffed mir üs bi de Linde?» Die Stimme einer Jugend und darauffolgend eine Wanderkolonie aus wehenden Badetüchern und klebenden Nackenhaaren, Flipflops im Takt der steigenden Vorfreude auf das abkühlende Nass.

Sorglos, bis ich mich beim Sonnen auf den Bauch gelegt habe, das wehende Badetuch nun eng um den Körper – wieso nur, brauche ich so viel Platz?

Von schüchternem Winken über frühpubertäre Wangenküsse (weils halt cool ist) zu freundschaftlichen Umarmungen, die nun schon über zehn Jahre anhalten. Gemeinsam dem damals trotzig trotzen, um bereit zu sein für das gemeinsame Jetzt. Wir haben keine Angst. Vor allem nicht vor der Zukunft!

Hast du auch Angst vor der Zukunft?

Die pickelige Stirn boten wir allem, das uns im Weg stand. Insbesondere den schützenden Händen, die sich plötzlich nicht mehr schützend, sondern bevormundend anfühlten. Zwei Zeigefinger, verbunden zum Schwur, nie so zu werden wie sie.

Händchenhaltend wieder die kleine Hand sein, denken, es geht nie nie nie schöner als jetzt, nur um im Nachhinein zu merken, dass die erste Liebe eben doch nicht immer die wahre sein muss.

Salzrinnen über meine Wangen, aber kein «Ich habs dir doch gesagt», sondern ein «Du bist gut so, wie du bist».

Wie lange muss ich jung sein, um alt zu werden?

Worte hallend in einer leeren Wohnung, aufgeregte Hände, die vier Schlüssel halten – einen für jede, ein Willkommensgruss der neuen Stadt.

Zwischen den Stühlen stehend, ohne Stühle in eine Wohnung einziehen, das erste Mal sind Sonne, Mond und Stern nicht mehr nah. Freude und Angst.

Picknick in der Küche auf Zeitungspapier, endlich Ketchup zum Frühstück, endlich frei und unabhängig.

«Mami, wie goht de Trick mit de wiisse Wösch scho wieder?»

Merken müssen, dass nicht alles gut war, aber endlich Ressourcen haben, sich selbst helfen zu wollen.

Wie lange muss ich jung sein, um alt zu werden?

Viermal bewusst Violett tragen, endlich nicht mehr die Faust im Sack, sondern in der Luft. Wir sind so laut, wie wir es lange nicht sein durften, wir sind laut für alle, die es immer noch nicht sein dürfen. Und ich bin wütend, weil meine Wut anscheinend ungezähmt ist, ich bin wütend, weil Wut nichts Schlimmes ist, aber meine unangebracht.

Ich bin wütend und denke an die vier schützenden Hände, frage mich, wer sie damals geschützt hat

und habe keine Antwort.

Wie lange muss man jung sein, um alt zu werden?

Nun bin ich halb so jung, wie du alt bist. Zwei zittrig unterschriebene Verträge, die mich scheinbar erwachsen machen, und damit meine ich so richtig voll krass eigene-Wohnung-und-Vollzeitjob-erwachsen. Abermals hallende Worte, aber diesmal nur meine und der Schlüssel weniger ein Willkommensgruss, sondern viel mehr eine Bestätigung, ein eigenes Zuhause gefunden zu haben.

Merken, dass man auch mit Stühlen zwischen ihnen stehen kann, denn da steht dasselbe Foto auf der neuen Fensterbank, vier Gestalten, acht Hände. Vier davon schützend und vier davon klein und wurstig. Das Bild der Zeit ist ein anderes. Erst waren da acht Hände, sechs davon schützend und zwei davon knochig und schwach. Seit diesem Sommer sind es sechs Hände und zwei die fehlen. Du warst nicht lange genug jung, um alt zu sterben und daran denke ich, während sich weiterhin die Zahlenreihen der Zeit bilden und ich Meilensteile sammle

für mich und für dich.