Schlüsselblumen, Blütendetonation, Tulpen-Glacé, Narzissen-Tofu …
Es kommt, erwacht, lebt, entstarrt. Mit Bärlauch im Waxtum.
Waxwixwux. Tum tum tum
Der Wartesaal wartet, wartet mit mir. Wir warten zu dritt.
Das Dritte ist ein pinkes Plüschmonster in der Garderobenstange,
ein Mix zwischen Yeti und niedlichem Nilpferd. Es blickt monstrig zur Wartebank und mir. Das Monster, definitiv ein Aff, plüscht und kringelt in den Garderobenstangen, räkelt, windet sich, umzärtelt das Garderobenstangengitter. Es lächelt, so gebisspotent wie Taylor Swift oder Monet192 im Jahr 2054 lächeln oder heute schon.
Plüschbiss in betörendem weiss-pink Combi. Es plüscht mich dein Weissbiss.
Es weisst mich dein PinkPlüsch. Es pinkt das BissPlüsch.
Waxwixwux. Tum tum tum
Es tumt dazu: «The winner takes it all». Wer ist hier «the winner»? Wir warten und bleiben zu dritt.
Wartesaal, Monster und ich. Nein: wir warten zu viert. Der unbehockte Hocker wartet mit. Zahnhocker. Hockerzahn. Weiss. Zum Hocken und unbehockt. Unbesessen. Zu viert bleiben wir und es tönt in der endlosen Sekunde:
«The winner takes it all».
Wer gewinnt, brüllt, jubelt, lächelt oder fliegt herum? Flugloses Schweigen.
No winner. Dafür Wartequartett. Das bleibt.
Waxwixwux
Der Hocker ist ein Zahn. Es zwitschert weiter «the winner takes it all».
Einen Gewinner gibt’s trotzdem: Es ist der «Ich-bin-nicht-geblieben, bin jetzt aber wieder da», ich ging, um wiederzukommen: der Frühling.
Der Frühling draussen blurzt erbarmungslos. Bis ins Wartezimmer. Bis zum Wartequartett. Er überblurzt das Gedröhne der Baustelle. Anders als der Frühling bleiben Zähne und Zahn. Zahn soll bleiben. Ausser bezüglich der Milchzähne ist zahnmässiges Bleiben lebensnotwenig: gesunde Zähne mit Biss. Essenzielle Grundbedingung. Mit Zahnentzündung oder null Zahn macht Essen keinen Spass. EssenLiebeSex. Alles geht nur mit Zahn genussvoll und filmbar. Ohne EssenTrinken lebst du nicht mehr lange. Darum müssen Demenz Erkrankte, Hochbetagte und andere Menschen, die leben wollen, in die Zahnpraxis. Dental Health.
Tum Tum Tum
Ich als Zahnpraxenbesuchbegleitung bleibe in der Warte hier. Jetzt. 4 Stunden im Wartequartett: Zusammen mit Pinkplüschzahnmonster neben Zahnhocker in Wartekäfig warte ich, bis mein Begleiteter wieder bissfähig ist. Zahnaufbau. Begleiteter putzt Zähne nicht, glaubt aber, es zu tun. Obschon ihm das Pflegepersonal (schon seit Längerem) die Zähne putzen will, lehnt er dies ab. Ein Übergriff auf seinen Körper. So ein Griff in den Mund ist fraglos ähnlich wie ein sexueller Übergriff. Das spürt der Demenz Erkrankte Begleitete. Der Mund ist hochprivat und persönliches Hoheitsgebiet. Zähneputzen an jemanden delegieren? Nein. Was hat eine andere Person täglich mit Zahnbürste in seinem Mund verloren? Die Zahnärztin dagegen, sie darf im Mund bleiben. Auch mit ihren Gerätschaften in seinem Mund. Sie erobert seine verbleibenden Zähne und sein Herz: «Ich rede jetzt mit Ihnen, wie als wären Sie mein Vater, okay?» Sie erobert professionell Mund und Herz. Wiederkehrend alle 70 Sekunden von Neuem. Das funktioniert und bleibt. Alle 70 Sekunden ein neues ewiges Jetzt, das bleibt. Im Begleiteten summt ein Bild: die älteren Geschwister ziehen ihn, den Kleinsten, im Leiterwagen durch die Bergbauernwiese. Bewegt geborgene Liebe. Das bleibt. Dem begleiteten Wartezahnklienten. Neben den Schatten, die ihn alle 70 Sekunden umplüschen.
Wixwuxwax
Der Zahnhocker ist kein Leiterwagen. das Rosa Monster beisst und räkelt egoman. Keine Zahnpraxisklientperson will hier bleiben wollen. Mit aufgebauten Zahndings raus jetzt. Auf wurzellosem Rollhocker. Draussen bleibt Frühling, dann Sommerdeproheiss, weiter Herbstgold und schliesslich Wintersilber.
Was zudem bleibt: Wohnungen mit Ex-Zimmern und Müllsäcken. Füllen. Füllen, fühlen. Leeren. Füllen. Fühlen, Füllen. Aufgeräumt dann gehen. Weil sie im Moment bleiben, später gehen. Ich auch. Vielleicht ist das ja bereits morgen. Es bleiben und steigen die Beerdigungen. Menschen, Tiere, Pflanzen, Porzellan. Mit und ohne Zähne. Aufgeräumt und unaufgeräumt. Melodien wie «The winner takes it all», und «I did it my way» Melodien bleiben, Texte schmelzen weg im linken Temporallappen. Wortbedeutungsleere. Wortleer. Dafür tonig rundend. «Margritli I liäb di vo Härze mit Schmärze».
Kriegslieder, die sie im Pflegheim mitsingen. «I weiss nid, was isch mit mir gscheh». Töne tastend frag ich, ob es bald neue Kriegslieder gibt oder die alten Lieder bleiben. Sie spüren: «Ich weiss, es wird, einmal ein Wunder geschehen».
Es bleibt der Scharm und Schmarrn des Abschieds. Loslassen, um woanders hinzugehen. Loslassen, um Platz zu machen. Loslassen, um langsamer zu machen. Loslassen, um endlich das Richtige zu machen. Es bleiben Atemzüge, die sich Raum und Platz nehmen. Sie gehen bis zu Zehen, kehren in den Ohrläppchen, um dann wieder hinauszugleiten. Der Atem gleitet. Ein Zug nach dem anderen. Mit Gleitpause. Das bleibt.
Tum Tum Tum
Es bleibt das Unmittelbare, das sich nicht festhalten lässt. Drum drum drum
verschwindet dieser Text hier als Text. Es bleiben der Moment und Staunen darüber, dass es ist. Am bleibendsten sind Geheimnisse. Die gehören nur der Ewigkeit. Es bleibt das Blinzeln mit zunehmend gefaltet expressivem Lächeln. Lachen und abruptes Tränenfliessen. So als kecke Wiedergangs-Tränen wie der Frühling: abhauen und immer wieder auftauchen, tränentypisch. Dann nochmals übers Gesicht kullern. Unerwartet wie Live-Musik auf der Strasse oder eine Ameisenstrasse im Wald. Es bleibt ein Lebenwollen. Ich bleibe. Was bleibt, bin ich. Das murmeln Bierfrauen und Bierpersonen (nicht nur Biermann).
Wuxwixwax
Was bleibt ist Zahnaufbau im Wartequartett. Gemütliches Hygieneweiss zwischen Zahnhockern und Plüschweissbissmonstern. Der zweite Zahnhocker dort ist übrigens unbehockt, aber er strahlt als Licht.
Tum tum tum