Was bleibt, wenn du gehst? Es bleiben deine Rezepte, dein Eingemachtes in den Gläsern, die Hortensien im Garten. Es bleiben die gehäkelten Decken, die Kreuzworträtsel und Landkarten. Es bleibt der Geruch von Butter und Knoblauch an den Kochlöffeln. Meine Kinderzeichnungen an den Wänden. Es bleibt deine Sorgfalt und deine Unzufriedenheit. Die Rauheit an deinen Händen. Es bleiben die Fotos, auf denen du nie in die Kamera blickst: Du als Kind mit den dicken Zöpfen und wollenen Strumpfhosen. Du als junge Frau, wie du dich in gutes Licht rückst. Du als Mutter, fast verdeckt von den drei Kindern in Sonntagskleidung. Du als meine Grossmutter – und ich, in deiner Begleitung. Es bleiben mir deine eckigen Buchstaben auf meinen Geburtstagskarten. Du hast mir immer zu grosse Geschenke gemacht und meine grössten Wünsche erraten. Du hast Kleidung für all meine Babys gelismet und mir einen pinken Umhang mit bunten Sternen genäht. Du hast Flickstoff auf die Löcher in meinen Hosen gebügelt und Pflaster auf meine Knie geklebt. Du hast meine Haare geflochten und meine Schuhe gebunden. Du hast jeden Tag eine neue Geschichte für mich erfunden.
Dein Dialekt, deine Sprache, deine Worte sind mir geblieben: Meertrübeli, Ritiplampi, trötschgele. Aus deiner Jugend hast du vieles verschwiegen und das Wenige masslos übertrieben. Du hast mir erzählt, wie du früher auf den Tischen getanzt hast. Laut gelacht hast du da und mich dabei verschwörerisch am Arm gefasst. Die Überschwänglichkeit und den Einfallsreichtum habe ich von dir. Deine Trinkfestigkeit und die Nickelallergie.
Dein Suchen hast du mir gegeben und deinen Schmuck. Ich trage ihn um den Hals und an den Ohren. Trage dein goldenes Herz über meinem Herzen und dazu die Creolen. Trage dich mit mir herum, dein Vermächtnis. Trage deine Wünsche für mich, deine Erwartung und dein Unverständnis. Trage die Langsamkeit deiner Welt und die Geschwindigkeit meiner. Trage beide unsere Welten, ohne sie zu vereinen.
Unsere Welten, die sich mit jedem Zentimeter, den ich grösser wurde, immer mehr verpassten. Irgendwann habe ich dich überholt, war zu schnell, zu weit weg und dann – erwachsen. Ich habe nicht bemerkt, wie es passierte. Du aber – hast dich auch noch gemeldet, als ich nur noch selten mit dir telefonierte.
Doch jetzt bist du fort, und zurück bleibt eine Lücke, die voll ist mit allem, was du warst. Mit allem, was ich von dir weiss und was ich nicht weiss, voller Bruchstücke. Mit allem, was du mir noch hättest erzählen können. Mit allem, was ich dich gerne noch gefragt hätte, alles Ungesagte, Ungefragte: Wie du als Kind warst und wie als junge Frau. Was dich stolz, was dich wütend gemacht hat. Wie es für dich war nach der Heirat. Wie dir die neue Kleinstadt gefallen hat. Wie es war, plötzlich mit 32 das Stimmrecht zu erlangen. Hast du vom Leben bekommen, was du wolltest, was ist dir entgangen? Wie hätte dein Leben mit meinen Möglichkeiten ausgesehen? Ich hätte dich gerne noch gefragt, ob du enttäuscht von mir warst und warum du so vieles verschwiegen hast.
Ich hätte dir auch gerne noch gesagt, wie es mir leidtut, dass ich dich nicht öfter um Rat gefragt habe. Nicht mit dir teilte, was ich alles noch vorhabe. Dass ich mir nicht die Mühemachte, dir zu erklären, was mich bewegt und beschäftigt. Dass es mir leidtut, dass wir uns nie auf Augenhöhe begegnet sind.
Ich kenne zwar den Klang deiner Stimme, den Geruch deiner Kleider und deine Lieblingssorte Meerrettich. Aber dich kenne ich nicht, dich kenne ich nicht wirklich. Ich weiss nicht, ob du dir manchmal ein anderes Leben gewünscht hast. Ich weiss nicht, wovon du geträumt, was du bereut hast, was dir wirklich etwas bedeutet hat. Ich weiss nicht, was in deinem Innersten war, wofür du gekämpft, gelitten und geweint hast.
Ich weiss nicht, was dich ausgemacht hat.
Was mir bleibt, sind Bruchstücke deiner Person, die zusammengesetzt nicht dich ergeben.
Was mir bleibt, ist die Erinnerung und die Fremdheit.
Was mir bleibt, ist ein Urnengrab auf dem Schorenfriedhof mit Blick auf das Stockhorn.