Adumbatten

2024

’s sind die kleinen Dinge im Leben

Flurina Kunz

(la translaziun rumantscha è sutvart)
Wenn aus «vergeben» plötzlich «vergebens» oder aus «Leid» eine «Leidenschaft» wird. Die Entdeckung des Genres des Poetry Slam bietet mir die Möglichkeit, eben diese Leidenschaft für Wortspiele auszuleben. Was sich früher wie mühseliges Aufsatzschreiben anfühlte, gehört heute zu meinen liebsten Beschäftigungen: das Schreiben. In meinem Text «’s sind die kleinen Dinge im Leben» ermutige ich nicht nur meine Zuhörer:innen, sondern auch mich, kleine Dinge und Beobachtungen des Alltags zu würdigen. So versuche ich auch jetzt, aus kleinen Buchstaben und Wörtern einen Text zu schaffen – und hoffe, dass dieser, wie ein einziges S in einem Wort, hoffentlich auch nicht vergebens ist … ;)

Sch’i dat or da «vergeben» tuttenina «vergebens» u or da «Leid» ina «Leidenschaft». La scuverta dal genre dal poetry slam ma dat la pussaivladad da viver mia passiun per gieus da pleds. Quai ch’era pli baud in pensum stentus, sco scriver concepts, tutga oz tar mias occupaziuns preferidas: il scriver. En mes text «’s sind die kleinen Dinge im Leben» na fatsch jau betg mo curaschi a mias audituras e mes auditurs, mabain era a mai d'appreziar pitschnas chaussas ed observaziuns dal mintgadi. Uschia emprov jau uss da crear in text da pitschens bustabs e pleds – e sper che quel, sco in pitschen s en in pled, na saja speranza era betg adumbatten... ;)

1. Platz

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Vergebens versuche ich manchmal zu erklären, weshalb die kleinen Dinge im Leben so viel zählen. Kleine, wie die Dimension dieser Dichtung, die noch kleineren Worte darin, die aus kleinsten Buchstaben, zu wählen. Lasst mich euch mit der Aussage quälen: «Dass wir Kleinigkeiten nicht klein reden sollten.» Völlig vereinfacht und heruntergebrochen diese bare, blutte These. Aber ich mein’ sie. (Pause)

Ihr müsst mir vergeben, wenn ich hier zur Moralapostelin werde, euch mit meiner Sprachliebe bewerbe, und ich wegen eures Desinteresses noch sterbe (viel zu derbe, sorry).  Nein, vielmehr möchte ich zeigen, was nur schon Kleines ausmachen kann. Euch eine Einsicht in meine eigene Eingebung geben. Auch wenn vielleicht vergebens …

Nun: Klein, winzig klein, heisst nicht «nein», heisst nicht, etwas zu ignorieren! Ganz im Gegenteil; die kleinen Dinge sollte man essentialisieren, z.B. eine Sommerbrise inhalieren, sich in einem Kompliment verlieren oder winzige Pralinen probieren (können natürlich für alle Köstlichkeiten figurieren). Und kommt es nicht gerade auf die Details an beim Diktieren (umfahren oder umfahren?)? Oder um wie Rousseau zu philosophieren: «Der Charakter offenbart sich nicht an grossen Taten; an Kleinigkeiten zeigt sich die Natur des Menschen.» (Auch er würde euch jetzt mit grosser Lust beraten.)

Viel Philosophie, wenig Weisheiten? Was meine ich eigentlich mit Kleinigkeiten? Ich meine Sachen, die wir vielleicht wieder vergessen, weil nicht von ihrer Relevanz besessen! Man sie übersieht … (auf Details herumzureiten ist nicht immer beliebt). Aber sind es denn nicht jene Dinge, die etwas genau bestimmen und uns für den Tag gewinnen? Die Katze, die am Morgen um meine Beine streicht, mir nicht mehr von der Seite weicht (was jetzt eher einer Harmonisierung gleicht).

Ich seh nämlich schon auch die ätzenden Seiten, die Breiten der schulischen Belanglosigkeiten. He, she, it – das S muss mit! Und alle anderen Theorien, die sie verbreiten … Und wenn’s S fehlt, hiess es: «Pay attention, kid!» Und dir danach die Hölle bereiten. Denn ohne S das Blatt rot, vom Korrigierstift die Hand schon tot, mir die schlechte Note droht, ich also ein Idiot, da folgt das Verbot: «Heute gibt’s kein Abendbrot!» Ich komm in Not, schon abgefahren das Boot? Jetzt fällt alles aus dem Lot! Wo ich doch nur das verdammte S vergessen hab, OH GOD …

Das S ist also wichtig, auch wenn’s für mich schien nichtig. So auch «vergebens» ohne das S: Heisst ganz was anderes, stell ich fest. Denn «vergeben» meint, ich möchte dir verzeihen, möchte, dass Harmonie und Freigiebigkeit gedeihen. Und dies ist doch bestimmt nicht vergebens? Hab ihr schon vergebens jemandem vergeben?

War das zusätzliche S für «vergebens» nun vergeben?! Nein, wir können erst so die Bedeutung des Wortes erleben. Ist’s doch nur ein unnötiges, kleines Ding – bloss – ändert es den ganzen Sinn, FAMOS! Die Kleinigkeiten sind eben doch die Grösse in sich.