Che cosa ci rimane

2025

Inébranlable

Flurina Kunz

(la translaziun rumantscha è sutvart)
Schreiben ist für mich ein Versuch, festzuhalten, was sich eigentlich nicht festhalten lässt. Erinnerungen sind brüchig, verschoben, manchmal überraschend komisch – und doch prägen sie uns. In meinem Text „Was uns bleibt“ interessiert mich weniger das grosse Ganze als das, was hängen bleibt: Kleine, absurde Details, die sich jeder Logik entziehen und gerade deshalb Emotionen auslösen. Ich erzähle darüber, wie relativ Erinnerung ist und wie unzuverlässig sie funktioniert. Ausgangspunkt ist ein Wort, das sich niemand merken kann – ausser genau wegen meines Textes: inébranlable. Ein Wort, das sperrig klingt, falsch geschrieben wird und trotzdem bleibt. Es bedeutet unerschütterlich, felsenfest – und wird in meinem Text zu einem Bild dafür, dass selbst in einer inneren Brandlage (inérenblandlage) manchmal das Standhafteste bleibt. ;)

Scriver è per mai in’emprova da nudar tge che na sa lascha atgnamain betg nudar. Regurdientschas èn fragilas, defurmadas, mintgatant surprendentamain divertentas – e tuttina ans influenzeschan ellas. En mes text ”Quai ch’ans resta” m’interessescha main la vista generala che quai che resta gravà en il chau: Pitschens detagls absurds, che mitschan da mintga logica e che sveglian gist perquai emoziuns. Jau raquint quant relativa e nunfidada che la memoria è. Punct da partenza è in pled che nagin na po tegnair endament – danor gist pervi da mes text: inébranlable. In pled che tuna steri, che vegn scrit fallà e che resta tuttina. El munta stataivel, ferm – e daventa en mes text in maletg che mussa ch’era en ina situaziun da crisa interna (inérenblandlage) è mintgatant quai che resta propi quai ch’è il pli solid. ;)

Wir sehen, hören, fühlen und vergessen. Wir vergessen alles. Schnell. Wie war nochmal der Titel dieses Slams? «Weisch nüme, gäll?»

Inébranlable – vergessen? War es französisch für Gabel, irgendetwas mit Essen? Fatal, aber glaubt mir, nach diesem Text wird euch dieses Wort nur noch stressen!

Ich frage mich in dieser flüchtigen Zeit, was bleibt. Ich frage mich: Was bleibt uns?

Vorkommen, Momente, Menschen, ziehen an uns vorbei, wir ziehen sie an (oder aus) und manchmal wird etwas daraus. Aber manchmal bleibt nichts zurück.

Wir studieren ein paar Jahre, kriegen längere Haare, wir massieren unsere hart-gewordenen Schulterknochen. Geblieben ist mir nur der Abend mit Studienfreund:innen beim Kochen.

Wir kriegen unseren ersten Job, Barjob, jonglieren dort mit Cocktailrezepten vor Ort, suchen den richtigen Mixbecher, bechern voller Frust, weil man nur noch hart arbeitet anstatt mit Lust.

Geblieben ist mir nur ein Spruch eines Kunden: «Chame au Sie als Dessert bschtelle?» Nein, Reto, du mieser Geselle, wir haben nur Zitronenkuchen, genug sauer für deinen bitteren Kommentar, ich will fluchen.

Geblieben sind mir mein erster Lohn – also das Geld blieb nicht – aber was ich damit kaufte. Mein erstes Freitagtäschli, das ich noch trage, während ich auf jede Party laufe. Partizipiere an Events, Feiern und Projekten. Geblieben sind mir nicht die Nächte, die ich schlief, sondern die, an denen ich connecte. Verbinde mich mit Erinnerungen, sauge sie in mich hinein, mache sie unerschütterlich.

Ja, was uns wirklich bleibt, sind die unerschütterlichen Momente. Die farbigsten Orte,

die lustigste Menschenhorde,

manchmal auch nur Retos Worte. Oder eben nicht. (Das mit dem Bleiben und Merken ist nämlich variabel!)

Was uns bleibt sind unerschütterliche Worte, doch keine Vokabeln. Ärgerlich. Französischvocis: eine Qual, eine Pflicht.

Inébranlable– ich kann‘s mir einfach nicht merken, es bleibt mir nicht, bricht mein Genick.

Doch das will ich heute ändern, denn was uns bleibt, sind die kleinen Samen der Einzigartigkeit:

Besonders innig, stimmig, verführerisch leichtsinnig, abschreckend, niederträchtig, opulent oder super-mächtig, impulsiv, relativ, bittersüss und manipulativ, lodernd, grotesk, verrucht, verzerrt, frustriert, pittoresk verkehrt, überschwänglich, tiefschürfend, zentnerschwer, unerschütterlich, ich hätte noch mehr, aber wichtig ist!

So brennen sich uns Erinnerungen in die Haut und werden mit unserem Herzen vertraut. Das kann ich natürlich wissenschaftlich belegen:

«Affekte aktivieren die Amygdala – ein Areal, das Erinnerungen ankert und ihre Abrufbarkeit anheizt.»

Heisst: Wenn ein Erlebnis emotional bedeutsam ist, wird es stärker verarbeitet und gespeichert, gewiss.

Wir brauchen also eine Emotion, um uns das blöde Voci zu merken. Eine Emotion, die die Erinnerung in unser Herz brennt.

Inébranlable: Klingt wie «in eine Brandlage» – und wenn etwas wirklich unerschütterlich ist, dann bleibt es selbst in einer Brandlage standhaft und unerschüttert. Es bleibt.

Was wird uns heute bleiben? Inébranlable

Was wird uns heute bleiben? Inébranlable

Damit wir die Emotion dazu haben, wird’s jetzt noch peinlich:

Was wird uns heute bleiben? Sagt ihr mir‘s: (Publikum: INÉBRANLABLE)

Was wird uns heute bleiben: Dass wir uns einen Slamabend mit Vocilernen vertreiben? Lame!

Nein.

Ce que nous reste, c’est inébranlable.

Was uns bleibt, ist unerschütterlich.