Wir sehen, hören, fühlen und vergessen. Wir vergessen alles. Schnell. Wie war nochmal der Titel dieses Slams? «Weisch nüme, gäll?»
Inébranlable – vergessen? War es französisch für Gabel, irgendetwas mit Essen? Fatal, aber glaubt mir, nach diesem Text wird euch dieses Wort nur noch stressen!
Ich frage mich in dieser flüchtigen Zeit, was bleibt. Ich frage mich: Was bleibt uns?
Vorkommen, Momente, Menschen, ziehen an uns vorbei, wir ziehen sie an (oder aus) und manchmal wird etwas daraus. Aber manchmal bleibt nichts zurück.
Wir studieren ein paar Jahre, kriegen längere Haare, wir massieren unsere hart-gewordenen Schulterknochen. Geblieben ist mir nur der Abend mit Studienfreund:innen beim Kochen.
Wir kriegen unseren ersten Job, Barjob, jonglieren dort mit Cocktailrezepten vor Ort, suchen den richtigen Mixbecher, bechern voller Frust, weil man nur noch hart arbeitet anstatt mit Lust.
Geblieben ist mir nur ein Spruch eines Kunden: «Chame au Sie als Dessert bschtelle?» Nein, Reto, du mieser Geselle, wir haben nur Zitronenkuchen, genug sauer für deinen bitteren Kommentar, ich will fluchen.
Geblieben sind mir mein erster Lohn – also das Geld blieb nicht – aber was ich damit kaufte. Mein erstes Freitagtäschli, das ich noch trage, während ich auf jede Party laufe. Partizipiere an Events, Feiern und Projekten. Geblieben sind mir nicht die Nächte, die ich schlief, sondern die, an denen ich connecte. Verbinde mich mit Erinnerungen, sauge sie in mich hinein, mache sie unerschütterlich.
Ja, was uns wirklich bleibt, sind die unerschütterlichen Momente. Die farbigsten Orte,
die lustigste Menschenhorde,
manchmal auch nur Retos Worte. Oder eben nicht. (Das mit dem Bleiben und Merken ist nämlich variabel!)
Was uns bleibt sind unerschütterliche Worte, doch keine Vokabeln. Ärgerlich. Französischvocis: eine Qual, eine Pflicht.
Inébranlable– ich kann‘s mir einfach nicht merken, es bleibt mir nicht, bricht mein Genick.
Doch das will ich heute ändern, denn was uns bleibt, sind die kleinen Samen der Einzigartigkeit:
Besonders innig, stimmig, verführerisch leichtsinnig, abschreckend, niederträchtig, opulent oder super-mächtig, impulsiv, relativ, bittersüss und manipulativ, lodernd, grotesk, verrucht, verzerrt, frustriert, pittoresk verkehrt, überschwänglich, tiefschürfend, zentnerschwer, unerschütterlich, ich hätte noch mehr, aber wichtig ist!
So brennen sich uns Erinnerungen in die Haut und werden mit unserem Herzen vertraut. Das kann ich natürlich wissenschaftlich belegen:
«Affekte aktivieren die Amygdala – ein Areal, das Erinnerungen ankert und ihre Abrufbarkeit anheizt.»
Heisst: Wenn ein Erlebnis emotional bedeutsam ist, wird es stärker verarbeitet und gespeichert, gewiss.
Wir brauchen also eine Emotion, um uns das blöde Voci zu merken. Eine Emotion, die die Erinnerung in unser Herz brennt.
Inébranlable: Klingt wie «in eine Brandlage» – und wenn etwas wirklich unerschütterlich ist, dann bleibt es selbst in einer Brandlage standhaft und unerschüttert. Es bleibt.
Was wird uns heute bleiben? Inébranlable
Was wird uns heute bleiben? Inébranlable
Damit wir die Emotion dazu haben, wird’s jetzt noch peinlich:
Was wird uns heute bleiben? Sagt ihr mir‘s: (Publikum: INÉBRANLABLE)
Was wird uns heute bleiben: Dass wir uns einen Slamabend mit Vocilernen vertreiben? Lame!
Nein.
Ce que nous reste, c’est inébranlable.
Was uns bleibt, ist unerschütterlich.