Was uns noch bleibt,
sind vielleicht nicht die Dinge,
die wir halten konnten.
Sondern die,
die wir loslassen mussten.
Die, die sich mit uns verändert haben.
Oder wir uns mit ihnen.
Die Dinge, die gegangen
und trotzdem geblieben sind.
Irgendwo.
Zwischen Zeilen, zwischen Blicken,
zwischen dem, was wir gemeint,
und dem, was wir gesagt haben.
Meine Wahrheit war gestern noch anders.
Sie trug andere Farben,
sprach andere Gründe,
liebte andere Zweifel.
Sie hatte Risse,
aber ich habe sie nicht repariert
ich hab durch sie hindurchgeschaut.
Und heute?
Heute sagt sie:
«Das warst du auch.
Aber nicht mehr ganz.»
Sie widerspricht mir nicht.
Sie verändert sich nur.
So wie ich.
Wahrheit ist kein Monument.
Kein Gesetz in Stein gemeisselt.
Sie ist ein Fluss.
Und manchmal treibe ich mit,
manchmal bleibe ich stehen.
Und jedes Mal, wenn ich glaube,
ich hab sie verstanden,
entzieht sie sich mir leise
und wird etwas anderes.
Still.
Manchmal denke ich,
sie ist ein Schatten,
der sich je nach Licht verschiebt.
Oder ein Spiegel,
in dem ich nur Bruchstücke sehe,
nie das Ganze.
Und doch reicht es,
um weiterzugehen.
Es gibt Tage,
da gleicht Wahrheit einem Flüstern.
Sie ruft nicht,
sie drängt sich nicht auf.
Aber sie bleibt,
wie eine Hand auf der Schulter,
kaum spürbar,
aber da.
Still.
Und dann bist da du.
Mit deiner eigenen Wahrheit.
Einer Wahrheit,
die nicht mit meiner konkurriert,
sondern neben ihr steht.
Vielleicht manchmal unverständlich.
Aber nie falsch.
Vielleicht ist das das Schwierigste:
zwei Wahrheiten auszuhalten,
ohne zu verurteilen.
Still.
Ohne das Bedürfnis,
eine zur einzig Gültigen zu machen.
Wir haben gelernt,
uns zu erklären.
Aber was,
wenn wir uns einfach nur halten?
Nicht im Griff
sondern im Raum.
Nicht gegen die Stille,
sondern mit ihr.
Deine Wahrheit und meine,
sie könnten nie dieselbe Sprache sprechen.
Aber vielleicht dieselbe Stille teilen.
Vielleicht ist das schon genug.
Wir werfen Worte wie Steine,
und hoffen, dass sie übers Wasser tanzen,
statt zu sinken.
Doch am Ende sinkt alles,
ausser dem, was wir nicht sagen konnten.
Was uns noch bleibt,
ist vielleicht genau das:
Das Ungesagte.
Das Unfertige.
Das, was in Zwischenräumen wohnt.
Das, was man nicht posten kann,
nicht aufschreiben,
nicht beweisen.
Und trotzdem echt ist.
Vielleicht sogar: am echtesten.
Denn Wahrheit hat keinen festen Wohnsitz.
Sie zieht um, wenn wir wachsen.
Sie ist mir schon davongelaufen,
hat mir aber eine Notiz dagelassen:
«Ich war hier. Für den Moment.»
Was uns noch bleibt,
ist nicht der Besitz.
Nicht die Sicherheit.
Nicht das Versprechen.
Sondern der Wandel.
Das flüchtige «Ich versteh dich»
in einer Welt voller Missverständnisse.
Was uns noch bleibt,
bist du.
Bin ich.
Wenn wir uns nicht erklären müssen.
Wenn wir einfach sitzen.
Nebeneinander.
Und nichts sagen müssen, weil alles da ist.
Still.
Und morgen?
Vielleicht erkenne ich mich selbst wieder nicht.
Aber vielleicht ist genau das
die ehrlichste Wahrheit,
die ich je hatte.