… Musikdidakticus
oder
Die Leiden des junggebliebenen M.
Prolog und Parodos
«Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten.
Es schlafen die Menschen in ihren Betten …»[1]
Albträumend geplagt im Bette:
Strampel mit dem Ampelmännchen um die Wette:
Wörterkette,
Kettenkarussell …
Unbeschwert, zu kleinem Preise fliegen, rundherum im Kreise,
Träumend an den Ketten hängen
Und das schwächste Glied nicht sprengen,
Bis man schwindlig steiget ab:
«Wachet auf! Ruft uns die Stimme.»[2]
Epeisodien
Ausgeträumt! Ich schweife ab.
Wollte doch, ohne zu zaudern,
Vom alltäglichen Leiden plaudern
Des Musikdidaktikus,
Der versucht, wie Sisyphus,
Täglich seinen Donnerwagen, angefüllt mit klingend Tand –
Xylophonen, Flexatonen, der Gitarre von der Wand,
Alten Weisen längst verklungen,
Neuen Liedern ungesungen,
Attraktiven Höraufträgen,
Djembes und singenden Sägen,
Klangschalen auf runden Kissen,
Praktischem, musikalischen Wissen,
Boomwhackern, bunt wie der Regenbogen –
In dem Wagen, hochgezogen
Soll’n auch, ich wills rauskrakehlen,
Ukulelen gewiss nicht fehlen.
Doch fast oben, fast geschafft!
Heldenhaft, mit voller Kraft
Den Wagen mit gar vielen Spielen
Auf den Berg hinaufzuschieben,
Eng verknüpft mit hehren Zielen.
Schon fast Applaus, gleite ich aus!
Seh’ alles mit Donnergrollen
Runterrollen und noch schlimmer,
Denn der Karren voll mit Glimmer
Schafft es nicht ins Klassenzimmer!
Schulmusik! Wo? Wann?
Verschollen?
Statt geklatscht, gepatscht, getrommelt, gesungen, Gehört, geimprovisiert, gespielt, geklungen,
Wird eingeordnet, ausgemistet, verbessert, bewässert,
In die Bibliothek gegangen,
Regeln an die Wand gehangen,
Mandalas mit Stift mäandert,
Aus dem Hallenbad zurückgewandert …
Gute Gründe gibt es viele,
Dass man meidet wildes Spiele
Mit Instrumentarium, lieber, wie im Aquarium[3]:
◡ — ◡ — ◡— ◡— ◡
Mit stummen Stimmen,
Arbeitsblätter-Kreise schwimmen.
Ruhig sitzen, Stifte spitzen, ja keine Gedanken blitzen lassen.
Die Insassen dieser Klassen werden beim mittäglichen Mahle
Den Elternteilen im Esssaale kaum etwas zu sagen haben,
Falls sie doch zu fragen wagen,
Was sie heut’ Erleuchtendes im Lerntempel gefunden haben.
Stasima
«Je nun, je nun, sie haben ihr Teil genossen
Und hoffen, was Sie noch übrigliessen,
Doch wieder zu finden auf ihren Kissen.»[4]
«Lieben, hassen, hoffen, zagen,
Alle Lust und alle Qual,
Alles kann ein Herz ertragen, Einmal um das andre Mal.»[5]
Es ist alles vergebens,
Ich fühlte es während des Singens.
Botenbericht und Epilog
Nach dem Modul meinte Merle – ich meine Frau Fuchs!
Trotzdem werd’ ich mich erfrechen, Sie mit Vornamen anzusprechen.
Unter uns und ganz geheim: ‘s ist für den Reim!
Meinte Merle: «dieser Song sei doch eine, ganz unerwartet –
Auch für schon Erwachsene,
Textlich und vom Stimmumfang,
Gar am Ende für die Zielstufe passende
Und auch für vorpubertäre Kerlinnen und Kerle
Erstaunlich geeignete Liederperle.»
«I don’t wanna wait in vain for your love.»[6]
[1] Wilhelm Müller / Franz Schubert, Die schöne Müllerin, 1823.
[2] Philipp Nicolai / Johann Sebastian Bach, BWV 140: Wachet auf, 1731.
[3] Christian Morgenstern, Fisches Nachtgesang, in: Galgenlieder, 1905.
[4] Wilhelm Müller / Franz Schubert, Die schöne Müllerin, 1823.
[5] Hugo von Hofmannsthal, Libretto zu Ariadne auf Naxos, Musik: Richard Strauss, 1912.
[6] Bob Marley, Waiting in Vain, aus dem Album Exodus, 1977.