Ach Kindchen, wieso beschwerst du dich? Zu meiner Zeit war alles anders. Ihr seid jung, gesund, voller Schwung, seid voller Hoffnung, alle Türen stehen euch offen, habt alle Möglichkeiten eure Träume zu erfüllen und sein zu können, wer ihr wollt. Das hatten wir nicht, auch kein Geld, dafür Krieg, in den die ganze Welt verwickelt war. Stell dir das bloss vor. Jaja, die Jugend hat es gut. Werde erst einmal so alt wie ich.
Na gut, ich beschwere mich nicht. Ich sage nichts von Masken im Sport und Desinfektionsmittel in der Nase. Ich sage nichts vom Lockdown, ohne den noch mehr Menschen ausgeknockt worden wären. Ich sage nichts vom drinnen eingesperrt sein und seine Freunde über Teams treffen, weil man sie sonst gar nicht sieht.
Ich sage nichts vom Krieg in Russland, der viele Folgen hat. Menschen sterben, Menschen flüchten, Inflation. Man muss Benzin sparen, man muss Geld sparen, Energie sparen, Wasser sparen, Strom sparen, Abfall sparen, Fleisch sparen, weil sonst die Umwelt abkratzt. Das Klima wandelt sich, doch wenn man dafür auf der Strasse wandelt, stört das die Älteren, weil es sie für einen Nachmittag im Leben einschränkt. Wir seien doch beschränkt! Wir sollten uns um unsere Zukunft kümmern und zur Schule gehen, sonst blieben wir noch im Leben stehen.
Abgesehen davon sind die Zwanziger interessant.
Es ist das strube Alter zwischen kotzenden Freundinnen im Club und solchen, die dir stolz den Verlobungsring zeigen und wenn dir jemand sagt, sie sei schwanger, musst du zuerst fragen, wie du reagieren sollst.
Läuft.
Es ist das strube Alter zwischen Studium, Job und Freizeit, zwischen Wohnung suchen und nicht können, weil ein Wohnungsmangel herrscht.
Es ist das strube Alter, in dem du alles weisst, alles Wissen in der Welt in deinem Smartphone hast und trotzdem zieht die Welt an dir vorbei. So sagen es die Eltern.
Es ist das strube Alter, in dem du Ahnung haben solltest. Du solltest Ahnung haben, einen Plan haben, einen Plan A und B haben, du solltest wissen, wer du bist. Du sollst dich anpassen, mit dem Strom gehen, gleichzeitig individuell sein und speziell sein und originell sein. Du solltest wissen, was du willst und möglichst keine Fehler machen. Doch insgeheim drehen sich die Gedanken. Was zuerst, was danach? Die Möglichkeiten sind unendlich und alle stellen ihre tollen Zukunftsideen zur Schau. Dabei sind es alle Schauspieler und insgeheim hat niemand wirklich eine Ahnung. Man ist nicht allein, und doch allein mit seinen Gedanken.
Den früheren Generationen ging das anscheinend nicht so. Sie hatten immer einen Plan und alles ging ganz einfach von der Hand. Hand in Hand die Grosseltern, wie sie grossartige Dinge schufen und ihre Eltern kritisierten und unsere Eltern, wie sie ihre Eltern kritisierten und wir, wie wir unsere Eltern kritisieren und unsere Kinder, wie sie uns kritisieren werden. Die Kritik geht im Kreis, vielleicht ein Hamsterrad?
Jaja, die Jugend hat es gut. Die Goldenen Zwanziger Jahre. Manchmal vergisst man allerdings, dass selbst der schönste Modeschmuck vergoldet ist und innen bloss aus Nickel besteht.