3 Sekunden – Analepsis
Der erste Schrei zerreisst das Zimmer, getragen von Liebe, die den Raum erwärmt. Ein Mensch tritt ins Leben. Die Maschinen piepen ihr leises Lied, während die Mutter in die Not-OP rollt. Da – der erste Atemzug, sanft wie eine Sommerbrise, dort – ein Herz, das in Angst zerspringt. Erwachenstanz und Lebensfurcht, beides zugleich, am selben Ort.
22 – Jetzt-Moment
Nun sitz ich hier und fang an zu fragen: Wozu, was ist der Sinn, die grossen Erlebnisse – ist nicht jeder Moment ein Gewinn?
Tag ein, Tag aus, diese PH, nicht wahr? Von Didaktik und Sesseltanz und anderem Trallala. Doch lang ist’s her, dass wir hier gemeinsam sassen, unsere Sprünge massen und nach Klingelstreichen mit unsrem Gelächter die Nebenstrassen bespassten.
Courage, Jux und Tollerei, alles, bis sich die Risse durch unsere Hosenknie frassen. Spontan mal raus. Aus lauter Leichtsinn: Narbe hier, Narbe da, heute geplant, mit Tinte geschmückt, nach dem Motto: einen Termin um vier, klar. Davor noch Arbeit, um Geld anzusparen.
Die grosse 10 – das Fest mit Übernachtung im Heu. Gackern, Schnauben und Rascheln als Kulisse, am nächsten Morgen wach – kein Schlaf – nur ein Haufen Mückenbisse.
11 und 12, die Jahre, die formten. Mobbing, Freundschaftsbrüche, neues Zuhause, eine Lehrerin, die fand: „Ins Gymi, du, nie“, da steck den Kopf mal lieber in den Sand. Im Nebenzimmer brannte immer Licht. Sie streiten, ich geh dazwischen. Ich kann es doch lösen, was ist mit mir, ich halte euch doch zusammen. Doch ein Kind kann das nie. Was viel länger bleibt als die Ehe, ist das bedrückende Bedürfnis nach Harmonie.
Bäume färben sich orange, dann Pantone 362 Grün, kahl und dann doch wieder geblümt. Die Eltern getrennt, die erste Liebe entflammt, dann kommt die Berufserfahrung: Besuch des CEO. Sie gibt ihm Tee, Pfefferminz – „du bist super“, schnulzt er, „kann man dich auch nach Hause nehmen?“ Sag mal, woher kommt denn diese Audacity? Ich klatsch innerlich Applaus, denk: Was ist das hier, ’ne Castingshow, gibt’s ’nen Preis fürs tiefste Niveau? Und während ich die Seite mental markier, weiss ich, genau hier formt sich das Rückgrat in mir.
22 – Jetzt-Moment
Ein Neugeborenes, wie Ton, weich, jede Berührung und Reiberei, sie formt. Als wer werden wir geboren? Es wird gesagt, man wird nicht mit politischen Gedanken und hasserfüllten Handlungen auf die Welt gesetzt, sie werden erlernt, doch womit beginnen wir? Wer bin ich? Statistiken sagen, dass weiblich gelesene Personen hier oft mit den Menschen, die sie lieben, antworten. „Ich bin Mutter, Schwester, Freundin …“, doch das reicht für mich nicht. Wer sind wir, wenn diese Beziehungen verloren gehen? Die Fragen nach dem „Was liebe ich“, den gefühlten Emotionen und „wann fühle ich mich lebendig?“, fehlen hier.
Was bleibt, ist was wir uns für das Ich wünschen. Ich möchte so sein, wie ein Frühlingswind der meine Haare liebkosend zerzaust und zugleich der Sommersturm, leidenschaftlich und unerschrocken tobend. Eine jede getroffene falsche Entscheidung, Begegnungen mit Fremden, die mit dem grössten Strahlen in deine Augen schauen, jede Träne, jedes Gekicher macht mich zu dir. Denn sind wir nicht alle Versionen voneinander, nur mit anderen Lebensgeschichten. So denke ich mir: Wenn du jetzt rasend wirst, who am I to judge, wer weiss, wäre ich deinen Weg gegangen, würde ich genauso den Mut verlieren.
Was uns bleibt, ist wie wir fühlen, wenn wir in unseren Erinnerungskisten wühlen. Wir sammeln Fotos, Briefe, Küsse auf der Stirn und die Fingerabdrücke der Personen, die uns zutiefst berühren. Festhalten, Fehlversuch. Die Flüchtigkeit vibriert wie ein Hilferuf. Alles rieselt durch meine Finger wie feinster Sand: Die ersten Male, das Lachen einer verstorbenen Person, die schönsten Abende, und alles scheinbar Banale.
Was uns bleibt, ist vielleicht dieser eine Song, den wir auf repeat hören, zum mentalen Festtackern einer Situation. Vielleicht die naiven Geschichten in unserem Kopf, die wir unaufhörlich wiederholen, um uns von dem grössten Schock zu erholen.
Was bleibt, ist nicht der vollkommene Moment. Es ist der, über den man stolpert. Ein Witz, den keiner verstanden hat und über dessen Erzählers Prusten man am meisten lacht, es ist der ungeschickte Tanz hin und her, um ein Ineinander-Prallen zu verhindern, das Grinsen, das folgt; die Situation, die man nie zu bewältigen meint und die Freundin, die einen noch einen Schritt weiter schleikt. Es ist das freie Rumgehopse in Zürich am See, zu den Tönen des Berliner Strassenmusikers. Ella an der Hand, mit zwei Fremden, die Nacht als unser flatterndes Gewand. Es ist der Sprung von der Reling, Kopf voran ins kalte Nass. Die Umarmung einer Freundin, so fest, dass sie ein wohliges Gefühl hinterlässt.
Was uns bleibt, ist das stille Versprechen, dass wir einander nicht vergessen. Dass in jedem liebevollen Blick, wie durch einen Klick die ganze Welt erquickt. Was uns bleibt, ist das Wissen, dass alles vergänglich ist und dass genau darin die Schönheit liegt. Was uns bleibt? Ja, vielleicht ist es manchmal Schmerz. Doch vielleicht ist es auch der Mut, trotz jenem Schmerz morgens aufzustehen und die Unverschämtheit furchtlos auf unsere Träume zuzugehen.
Wen ich am Lebensende verkörpere, ist noch unbekannt, doch das Wichtigste habe ich erkannt: Ich kann meine Evolution nicht verpassen, nur weil ich Angst habe mich auf den Prozess zu verlassen. Verletzlichkeit, laute Liebe und Gemeinsamkeit, hierin sehe ich die grösste Magie. Also lasst uns hier bleiben, wo wir mit zitternder Stimme sprechen, wo wir mit unseren Tränen die Dämme des Egoismus durchbrechen und mit dem Licht unseres Lachens die Blumen im Frühling erwachen.
Denn was uns bleibt, sind wir. Du und ich. Ich in dir. Und du in mir.