Der Mensch hat sich grundsätzlich weit entwickelt. Einige mehr, andere weniger.
Der Mensch muss essen, schlafen sowie ab und an kacken. Auch hier: Einige mehr, andere weniger.
Der Mensch muss alt werden. Doch das möchte keiner. Weder mehr noch weniger.
Wir sind weit entwickelt und versuchen uns dennoch etwas Elementarem zu entziehen, was uns genau betrachtet sehr dumm und überhaupt nicht weit entwickelt erscheinen lässt. Niemand strebt ein Leben ohne Nahrung, Schlaf oder Toilettengang an. Wieso also möchten wir jung bleiben? Ganz einfach: Alt sein ist eklig.
Oder anders formuliert:
Alt werden ist der Furz des Lebens. Erklärung:
Wer in der Öffentlichkeit furzt, macht es unauffällig.
Gleich ist es mit dem Altern. Wer altert, versucht dies nicht zu zeigen. Zuhause aber, in trauter Einsamkeit, darf der Furz raus. Auch das Alter kann sich hier in ganzer Pracht zeigen. Samstagsabend um halb neun, zerstört von dem ach so strengen Tag mit Frühstück, Nickerchen, Einkaufen, einer kleinen Runde Minigolf mit Freunden und zwei Bier, liegen wir nun auf der Couch. Wir drücken uns das letzte Stück der Fertigpizza in den Mund und schauen mit glasig müden und von dunklen Ringen untermauerten Augen den schlechten Film an. Mit einem Blick auf das pizzagefüllte Bäuchlein, das unter dem zu knappen T-Shirt hervorschaut, ekeln wir uns vor uns selbst. Also alles ganz ähnlich wie beim Furzen.
Dabei gibt es keinen Grund, uns zu ekeln (also beim Altern. Zugegeben, beim Furzen ist es teilweise berechtigt). Nein, wir haben keinen Grund uns zu ekeln, denn eigentlich sind alle jung und alt zugleich. Erklärung:
Die Pygmäengrundel, biologische Bezeichnung «Eviota pellucida», umgangssprachliche Bezeichnung «kleiner Fisch» lebt im Schnitt 60 Tage lang.
Der Grönlandwal, biologische Bezeichnung «Balaena mysticetus», umgangssprachliche Bezeichnung «grosser Fisch» lebt im Schnitt 73’000 Tage lang.
Ich, biologische Bezeichnung «Homo sapiens sapiens», umgangssprachliche Bezeichnung «mittelgrosser Mensch», lebe im Schnitt 30’000 Tage und habe bereits 11’000 davon verbraucht. Ich habe somit bereits 183 Pygmäengrundel-Generationen überlebt, während der Grönlandwal gerade erst in seine Pubertät kommt.
Dieses Beispiel zeigt: Das Alter ist relativ. Wir sind alle jung und alt zugleich.
Fun-Fact: Geben wir bei Google den Satz «Das Alter ist relativ» ein, erhalten wir die zugleich weise wie auch extrem aufmunternde Antwort: «Das Alter kann durch blablabla beeinflusst werden» und, viel spannender, «die meisten Menschen erreichen ein Maximum ihrer geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit individuell unterschiedlich zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr».
Deshalb an alle hier: Gebt auf, ihr habt wahrscheinlich den Zenit bereits überschritten. Ihr denkt euch sofort: «Hä, ich bin doch erst 22», doch mit 22 seid ihr mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent schon über euren geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeitshöhepunkt hinweg und somit nun langsam, aber stetig unterwegs in Richtung Zerfall und Tod. Fast schon nutz- und damit wertlos für unsere Gesellschaft. Nur noch eine Last, die es von der vitalen, jungen Generation zu tragen gilt.
Diese Denkweise widerspiegelt unsere Gesellschaft. Dabei zählt ein Grossteil unserer Bevölkerung zu den Nutz- und Wertlosen. Ich möchte deshalb, dass unser «Alt» das neue «Jung» wird:
– Formate wie «Jung, wild und sexy» werden zu «Alt, ruhig, aber gut gereift».
– Kinderschokolade wird zu süssen Rentnerstängeln.
– Anti-Aging-Cremes werden ersetzt durch Alterspasten mit reizvollen Werbesprüchen wie «Neue Falten bereits ab der ersten Anwendung» oder «ein deutlich verlebteres Gesicht in nur drei Wochen».
– Der Besuch von Ü-30-Partys wird zum Statussymbol. Die Meute singt «Foreeever old» und im Nachhinein werden die Bilder des Besuchs mit den Worten «Yeah, tanz, bis die Krücke bricht» kommentiert.
So! Und wenn «Alt» das neue «Jung» ist, möchte ich wieder …
– geheucheltes Lob erhalten für Dinge, die ich schlecht mache,
– nach Hause getragen werden, wenn ich zu müde bin, um zu gehen,
– weinen an der Kasse, wenn mein Konto mir verbietet, etwas zu kaufen, was ich unbedingt sofort haben möchte.
Und vor allem, vor allem möchte ich alles Fettige und Süsse zu jeder Tageszeit in mich hineinstopfen, mein Bäuchlein streicheln und mich dabei geil alt fühlen.